Ein Studium ist bei vielen nicht vorgesehen

Aus diesem Grund arbeitet das Berufskolleg Eschweiler mit Hochschulen zusammen. Talentscouts beraten und fördern die Schüler.

Das Bildungsangebot am Berufskolleg Eschweiler ist breit gefächert. Die Schüler können aus nahezu 30 verschiedenen Bildungsgängen wählen, in welche Richtung ihr beruflicher Werdegang gehen soll. Diese Bandbreite birgt zahlreiche Chancen, doch auch die Gefahr, im „Wust“ der Möglichkeiten unterzugehen. Zumal in Deutschland nach wie vor oftmals nicht die Begabungen der Schüler über den Bildungsweg entscheiden, sondern die familiären Hintergründe. Genau dort setzt das sogenannte „NRW-Talenscouting“ an, an dem sich inzwischen 17 Hochschulen landesweit beteiligen, darunter auch die FH sowie die RWTH Aachen.

Talentscouting
Talentscout Seren Başoğul überreichte Schulleiter Thomas Gurdon die Plakette, die das Berufskolleg Eschweiler als „Schule im NRW-Talentscouting“ ausweist. Auch Lehrer Björn Kammann, Professorin Dr. Carmen Leicht-Scholten (RWTH), Professorin Dr. Martina Klocke (FH) sowie einige der als Talente erkannte Schüler zeigten sich hocherfreut. Foto: Andreas Röchter
Talentscouting
Plakettenübergabe und Vertragsunterschrift zusammen mit den Talenten in Aachen.

Bereits seit März 2017 arbeiten die beiden Aachener Hochschulen eng mit dem Berufskolleg Eschweiler zusammen. Talentscout Seren Başoğul ist mehrmals im Monat vor Ort an der indestädtischen Schule, um talentierte Schüler zu beraten und zu fördern. Nun wurde die enge Kooperation auch schriftlich festgelegt: Professorin Dr. Carmen Leicht-Scholten von der RWTH, Professorin Dr. Martina Klocke von der FH und Schulleiter Thomas Gurdon unterzeichneten einen Kooperationsvertrag. Zusätzlich überreichte Seren Başoğul eine Plakette, die das Berufskolleg Eschweiler als „NRW Schule im Talentscouting“ ausweist (wir berichteten am 16. Januar im Wirtschaftsteil).

Die Arbeitswelt befindet sich in einem gewaltigen Wandel. Berufsbilder verändern sich. Die Stichworte lauten unter anderem Digitalisierung und Industrie 4.0“, betonte Thomas Gurdon vor der Vertragsunterzeichnung. Es gelte, Schülern die Möglichkeiten aufzuzeigen, die nicht zuletzt neue Studiengänge böten. Allerdings hätten zahlreiche Schüler des Berufskollegs ein Studium „erst gar nicht auf dem Schirm“. Warum? „Es ist in vielen Familien schlicht nicht vorgesehen“, unterstrich der Schulleiter.

Doch gerade Deutschland sei als Land ohne Rohstoffe darauf angewiesen, so viel als möglich in die Jugend zu investieren. Deshalb sei das „Talentscouting“, das von den Schülern des Berufskollegs Eschweiler gut angenommen werde, ein wichtiger und richtiger Schritt, um jungen Menschen einen kleinen Schubs zu geben, ihre Potenziale auszuschöpfen. „Wir öffnen ihnen ein Stück weit die Tür. Hindurchgehen müssen die Schüler aber selbst“, so Schulleiter Thomas Gurdon.

Professorin Dr. Martina Klocke hob hervor, dass das Talentscouting den Hochschulen auch die Gelegenheit eröffne, einen Blick in die immer größer werdende Heterogenität der Schülerbiografien zu werfen. „Es wird uns die Augen öffnen, warum manches so ist, wie wir es vorfinden“, ist die Projektleiterin der Fachhochschule Aachen überzeugt. Professorin Dr. Carmen Leicht-Scholten erkennt in dem zunächst bis in das Jahr 2020 befristeten Projekt einen Mehrwert für alle Beteiligten. „Entscheidend wird sein, dass Schüler, Lehrer und die Verantwortlichen an den Hochschulen an einem Strang ziehen.“

Schüler Mehmet Coban sieht sich jedenfalls bisher sehr gut beraten und hat sich an der FH bereits im Bereich Luft- und Raumfahrttechnik umgesehen. „Ich habe als Gasthörer an Vorlesungen teilgenommen, den Dozenten zugehört und meinen Horizont erweitert.“ Gleiches gilt für Jacqueline Schroll, die einen Probetag an der FH Aachen absolvierte, in den Ferien an einem Workshop teilgenommen und Kontakte zu Studenten geknüpft hat.

Schritte, die für Talentscout Seren Başoğul, die am Berufskolleg Eschweiler 47 Schüler betreut, von denen 31 aus bisherigen Nichtakademiker-Familien stammen, in die richtige Richtung weisen. „Die soziale und kulturelle Herkunft des Schülers dürfen nicht den Ausschlag für den Bildungsweg geben“, macht sie deutlich und unterstreicht, dass Vertrauen zwischen Schülern, Lehrern und Scout die Basis für eine zielführende Beratung bildet. „Ohne die Lehrer, die in der Regel den Schülern den Tipp geben, mit mir Kontakt aufzunehmen, geht es nicht. Die Lehrer sind unsere Erst-Scouts“, so die Beraterin, die nicht zuletzt die Zusammenarbeit mit Björn Kammann lobt, der als Koordinator für Studien- und Berufsorientierung am Berufskolleg Eschweiler agiert.

Quelle: Eschweiler Zeitung vom 19. Januar 2018